Millionen, Milliarden, Google.

Die amerikanische Erfolgsstory aus Mountain View feiert ihren zehnten Geburtstag. Erstaunen und Erschrecken liegen dicht beisammen: Mutiert der sympathische Suchmaschinenprimus zur unverzichtbaren Informationskrake und der Planet zu „Google Earth“?

„Es gibt immer noch mehr Informationen.“ (1)

Mit der Suchmaschine „BackRub“ fing alles an: Zwei Studenten der Stanford University – Larry Page und Sergey Brin – konzipieren Mitte der 90er Jahre eine von Grund auf neue Suchtechnologie, die unter anderem den Verlinkungsgrad einzelner Internetseiten analysiert und daraus Informationen über deren Relevanz ableitet. Damalige Größen im boomenden Internet-Business scheren sich jedoch nicht um die universitäre Entwicklung und winken ab – im Gegensatz zu Andreas von Bechtolsheim, einem von vier Mitgründern von Sun Microsystems, ehemaligen Studenten der TU München und Bundessieger des „Jugend forscht“-Wettbewerbs von 1974. Ein cleverer Bursche. Nach einer 10-Minuten-Demonstration stellt er den beiden Emporkömmlingen 1998 kurzerhand – in Deutschland wohl undenkbar – einen Scheck über 100.000,- US-Dollar aus, Google Inc.. ist geboren, und wie bei derartigen Unternehmungen im sonnigen Kalifornien üblich, dient eine angemietete Garage von Freunden als provisorischer Firmensitz.

Bereits im gleichen Jahr beantwortet die Suchmaschine unter google.com bereits 10.000 Suchanfragen pro Tag, und auch ohne ausufernde Werbekampagnen sprechen sich die für damalige Verhältnisse atemberaubende Geschwindigkeit und die vergleichsweise guten Suchergebnisse schnell herum. Google wächst und die heimische Garage platzt aus allen Nähten. 1999 zieht man in geräumigere Büros nach Palo Alto um, inzwischen zählt man acht Mitarbeiter und 500.000 Suchanfragen pro Tag, neues Kapital in Höhe von 25 Millionen US-Dollar kann an Land gezogen werden, um weiteres Wachstum zu stimulieren. Das Beta-Logo wird von der Suchmaschinen-Seite entfernt.

Zu Beginn des nächsten Jahr beantwortet die Maschine bereits 18 Millionen Suchanfragen pro Tag, auch erfolgt ein neuerlicher Umzug in den „Googleplex“ , ein mit Lavalampen und Gymnastikbällen ausgestattetes, jedenfalls ziemlich eigenwillig gestaltetes Bürogebäude. Für die kulinarische Mitarbeitermotivation wird eigens ein Küchenchef angeworben. Mit dem kontextsensitiven Werbeprogramm „Google Adsense“ für Werbetreibende wird außerdem eine neue Geldmaschine generiert, die noch acht Jahre später der finanzielle Standfuß von Google sein wird. Die Company boomt – Ende 2000 beantwortet Google 200 Millionen Suchanfragen pro Tag, angeheizt auch durch eine neuartige „Google Toolbar“
, welche sich über ein Plugin direkt im Browser einnistet und von Millionen Nutzern heruntergeladen wird.

Mit Millionen gibt sich Google beim Suchindex aber schon längst nicht mehr zufrieden, er wächst auf 1,6 Milliarden indexierte Netzseiten an – für das Unternehmen aus Mountain View längst nicht das Ende der Fahnestange: 2001 gesellt sich das Usenet-Archiv von deja.com dazu – ein kleiner Datenschatz, der nicht weniger als 500 Millionen Textbeiträge umfasst. Zu Beginn des vierten Quartals 2001 schreibt man trotz DotCom-Krise erstmals schwarze Zahlen, der Index steigt auf nunmehr 3 Milliarden Dokumente an, Freunde optischer Genüsse kommen nun mit der Google Bildersuche auf ihre Kosten.

Im Februar 2002 startet Google „AdWords“, ein einfaches Werbesystem für Unternehmen jeglicher Größe, dem zukünftigen Advertising-Standfuß. Für weitere Bequemlichkeiten bei der Informationssichtung im Web sorgen das heftig umstrittene „Google News“ und die Produktsuche „Froogle“. Für umtriebige Mitarbeiter folgen die „Google Labs“, eine Spielwiese für als innovativ erachtete Ideen. 2003 wird Google von brandchannel.com zur „Marke des Jahres“ gekürt. Im darauffolgenden Jahr wird der unvermeidbare Börsengang vollzogen. Die dabei erwarteten 108 bis 135 US-Dollar pro Aktie müssen jedoch auf 80 bis 85 US-Dollar gesenkt werden. Schon am ersten Handelstag steigt der Kurs auf 100 US-Dollar. Trotz des Börsenganges geben Larry und Sergey weiter den Ton an – denn die stimmberechtigten Aktien liegen weiterhin in ihren Händen – als netten Nebeneffekt des Börsengangs werden sie quasi über Nacht zu Multimilliardären, die Risikokapitalgeber können ebenfalls zufrieden sein – und Bechtolsheimers 100.000-US-Dollar-Investition ist Anfang 2005 nicht weniger als 500 Millionen US-Dollar wert. Peanuts.

Mit „Google Desktop“ können Googles Nutzer im gleichen Jahr auch lokal ihren PC bequem per Suchmaschine durchsuchen – ein Freibrief für ordnungsintolerante Zeitgenossen? Mit Google Mail folgt die Beta-Auskopplung eines E-Mail-Dienstes. Der Index wächst auf unglaubliche acht Milliarden Internetseiten an, Google ist nun auf über 80 verschiedenen Domains weltweit erreichbar.

Weitere kostenfreie Services kommen schnell hinzu: Google Video – ein Portal für kurze Videoschnipsel, Google Maps – ein interaktiver Kartendienst, Google Sitemaps – ein Werkzeug für Webmaster, um auch die verstecktesten Informationshäppchen ihrer Webseiten dem Google-Index einzuverleiben, Google Talk – ein IM-Client, Google Reader – eine webbasierte RSS-Informationssortiermaschine, Google Book Search – eine in Verlagswelten heftig diskutierte Suchmaschine speziell für Bücher, Google Analytics – ein Service für Webmaster zur Auswertung von Zugriffsdaten, Google Earth – ein 3D-Globus. Informationen, Gewinn, Umsatz, Mitarbeiter, Services – Google expandiert in rasantem Tempo, unaufhaltsam. 2006 entschließen sich eine Reihe renommierter US-Universitäten, ihre Bibliotheksbestände von Google digitalisieren zu lassen. Ein weltweit einmaliges Projekt, das die bisherigen Anstrengungen – etwa vom Gutenberg-Projekt – weit in den Schatten stellt. Mit wachsenden Werbeerlösen kann im gleichen Jahr auch die Übernahme von YouTube, einem Online-Videoportal, gestemmt werden, 1,65 Milliarden US-Dollar in Aktien legt Google dafür auf den Tisch, deren Wert sich innerhalb von zwei Jahren mehr als verfünffacht hat – am 22. November 2006 kosten sie pro Stück 500 US-Dollar – Google ist Börsenliebling und gehört zu den vierzehn wertvollsten US-Unternehmen.

Finanziert wird die neue, bunte Google-Welt nahezu vollständig durch die Anzeigen der Werbekunden – 2007 kommt da die 3,1-Milliarden Dollar schwere Übernahme des Konkurrenten „DoubleClick“ gerade recht. Schon beschwert sich die Konkurrenz ob des überbordenden Marktanteils im Geschäft mit Online-Anzeigen, die FTC (Federal Trade Commission) in den USA und die europäische Wettbewerbskommission in Brüssel müssen sich mit der Angelegenheit befassen, geben aber beide schlussendlich grünes Licht. Schon 2006 machen Warnungen von der „Datenkrake Google“ in Deutschland die Runde, zunehmend wird das Engagement des Suchmaschinenprimus in nahezu allen Bereichen des Internet in Frage gestellt.

Google selbst profitiert freilich von der explosionsartigen Informationsverbreitung im Netz: Millionen Datenhäppchen zugänglich und möglicherweise erst dadurch praktisch nutzbar zu machen ist zunächst einmal ein ambitioniertes und durchaus begrüßenswertes Unterfangen, welches Google mit innovativen, werbefinanzierten Services bisher weitaus besser gelingt als der Konkurrenz. Bedienbarkeit und Simplizität. Das offenbart schon Googles schlichte Suchmaschinen-Startseite mit seit zehn Jahren nahezu unveränderten Gewändern. Ein Vergleich des E-Mail-Dienstes „Google Mail“ mit Konkurrenten wie Web.de oder GMX.de bringt diesen Unterschied auf den Punkt: Es macht einfach mehr Spaß, sich in einer gut sortierten und praktischen Benutzeroberfläche zurechtzufinden als in vergleichweise überfrachteten und mitunter langsam ladenden Angeboten. Beste Beispiele sind auch das 2004 zugekaufte Bilderverwaltungs-Werkzeug Picasa, der Google Reader oder die Google Büchersuche.

Kostenlos ist dies alles auf den zweiten Blick freilich nicht. Google stemmt seine Services über Werbeklicks, was wiederum zu einer hochgradigen Abhängigkeit zum konjunkturanfälligen Anzeigengeschäft führt. Zwar steigen bisher Umsatz und Gewinn kontinuierlich, doch die Grenzen des Wachstums sind bereits absehbar. Um für das Marketing seiner Kunden attraktiv zu bleiben ist Google dazu verdammt, Werbung noch zielgerichteter zu platzieren und mit ganzheitlichen Diensten die eigene Reichweite kontinuierlich zu erhöhen. Google will unverzichtbar für seine Nutzer werden. Dafür braucht man jedoch ein umfassendes und möglichst genaues Bild des Users, welches dieser quasi als Abfallprodukt durch die Nutzung verschiedener Services mit seinem Account liefert. Schon beim E-Mail-Dienst „Google Mail“ war der Aufschrei groß, denn um passende Werbeblöcke zu schalten, werden alle E-Mails in einem automatisierten Verfahren maschinell ausgelesen. Die Garantie, mit den angehäuften Daten hundertprozentig vertrauenswürdig umzugehen, ist für ein Dienstleistungsunternehmen wie Google unverzichtbar – schon eine kleine Panne kann zum Abwandern der Kundschaft zur Konkurrenz führen – und die ist meist nur einen Klick weit entfernt.

Der zweite Hauptkritikpunkt bedarf schlicht und ergreifend einer ökonomischen Interpretation: Um das rasante Wachstum beizubehalten braucht Google neue Services, neue Möglichkeiten, Daten zu sammeln und – in welcher Form auch immer – nutzbar zu machen. Die nicht gerade als zimperlich zu bezeichnenden Akquisitionstätigkeiten der letzten Jahre führten zu einer durchaus bedenklichen Bündelung der Marktanteile – etwa im Bereich von Online-Anzeigen. Auch der – wohlgemerkt selbst erarbeitete – Erfolg im Bereich der Websuche mit teilweise über 90 Prozent Anteil (Deutschland) führt zu einer einseitigen Abhängigkeit von nur einer privatwirtschaftlichen Unternehmung. Google, genauer gesagt der proprietäre Suchalgorithmus der Websuche, bestimmt, was gefunden werden kann – je stärker sich der mündige Nutzer an die scheinbar immer verfügbaren, vorsortierten Ergebnisse der Suchmaschine gewöhnt und auf andere Informationsquellen verzichtet, umso größer die Gefahr einer Informations-Monopolisierung. Um auch in den stark wachsenden Internetregionen Asiens mitmischen zu können, stellt Google etwa in China einen zensierten Suchindex zur Verfügung. Mit dem selbsternannten Motto „Don’t be evil“ hat das freilich nichts mehr gemeinsam, wie viele andere westliche Firmen hofft Google auf eine langsam voranschreitende, aus westlicher Sicht politisch positive Entwicklung im Reich der Mitte.

Wie geht es also weiter mit Google? Ein herzlicher Glückwunsch zum zehnten Geburtstag sollte trotz berechtigter Kritik an dieser Stelle nicht verwehrt bleiben. Denn wer würde Googles Job als Informationsdienstleister,- sortierer- und -verteiler heute ohne die Mannen aus Mountain View erledigen? Eine staatlich kontrollierte Instanz? Microsoft? Beides sind ebenso grausige Vorstellungen wie die eines allumfassenden Google-Monopols auf Informationen im Netz, welchem die amerikanische Federal Trade Commission wohl aber über kurz oder lang – siehe AT&T – einen Riegel vorschieben würde. Bleibt noch eine freie, auf Open-Source basierte Suchmaschine, möglicherweise per Peer-to-Peer über den ganzen Globus verteilte, Lösung. Erste Ansätze, etwa „YaCy“ mögen interessant sein, liefern aber (noch) schlechte Suchergebnisse. Google hat den Entwicklungen im Web – zumindest bisher – weit mehr gut als schlecht getan. Konkurrenz belebt das Geschäft. Eine wachsame und durchaus kritische Reflexion durch seine Nutzer allerdings ist unabdingbar, um die Krake im Zaum zu halten, ebenso die eigene Anstrengung, sich im Web nicht auf einen Dienst – etwa denjenigen von Google – zu beschränken.

(1): Aus den Google Unternehmensinformationen: „Zehn Dinge, die für Google erwiesen sind“


| | 8. September 2008 17521 x gelesen Schlagwörter: 10 jahre google, datenkrake, google, gooooglen

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