Fernsehen ohne Flimmerkiste: Kostenfreie „Video-on-Demand“-Angebote im Internet

YouTube & Co machen es vor: Bewegtbilder im Internet liegen im Trend – selbst der altehrwürdige 20-Uhr-Tagesschau-Termin wird im Netz in Frage gestellt. Doch was bringt das flexible Allerweltsfernsehen auf dem heimischen PC? Der nachfolgende Artikel setzt sich kritisch mit dem so genannten „Video-on-Demand“ auseinander.

Früher…

…waren die X-Akten fester Bestandteil des familiären TV-Montagabend. Während sich Mutter hinter meterdicken Stoffkissen versteckte, konnte man(n) dem langersehnten „Mystery-Abend“ auf ProSieben (damals noch ohne Heuschrecken-Alarm) frönen – einem Höhepunkt, welchem man schon Tage zuvor entgegensehnte und dabei schulische Dinge allzu leicht beiseite Schob. Nur zu gerne Ergötzte ich mich an dem kreidebleichen Anblick der Familienbande. Mit der allzeit bereiten und flexiblen Gesellschaft von Heute soll das gemeinsame Fernseh-Erlebnis ein jähes Ende finden. Das Pixelsalat-Fernsehen der Zukunft ermöglicht den Zugriff auf Nachrichten, Serien und Filme nach Belieben, ohne auf zeitliche und soziale Schranken Rücksicht zu nehmen, also wie geschaffen für den modernen Alleinseher-Individualisten von Heute.

Mäßig moderne Qualität

Bei Jugendlichen steht die eigene Flimmerkiste schon seit längerem ganz oben auf der Weihnachts-Wunschliste, Videoplattformen wie Youtube oder die deutschstämmigen Ableger clipfish.de und sevenload.com möchten zudem beim Internet-Fernsehen der Zukunft in erster Reihe mitmischen. Qualitativ können diese Angebote allenfalls mit dem VHS-Videostandard aus den 80er Jahren mithalten – aber wen interessiert das schon? Schon stürmen Schweizer IPTV-Anbieter wie Zattoo den Markt in Deutschland – mit vorerst miserablem Programmangebot und scheußlicher Bildqualität – wenn man den digitalen Satelliten-Empfang als Vergleich nicht zu scheuen vermag. Nach langen Verhandlungen wollen aber zumindest die öffentlich-rechtlichen Schwergewichte ARD und ZDF angeblich bei Zattoo mitmischen.

Ehrensenf.de ist ein echter Pionier im deutschen Video-on-Demand-Markt, die Idee wurde aus Übersee ausgeborgt.

Ehrensenf: Die deutschsprachige Version von Rocketboom.com

Neben allerhand Gemecker bietet das Internet-Fernsehen aber auch neue Möglichkeiten für kreative Spartensender. Ehrensenf.de ist dabei nur ein Beispiel von kopierten Übersee-Formaten – StudiVZ lässt grüßen! Schon länger sind Magazine wie Ct’tv dabei.

Die ZDFmediathek ist ein echtes Highlight aktuellere Video-on-Demand-Angebote im Netz.

Die ZDFmediathek ist ein echtes Highlight aktueller Video-on-Demand-Angebote im Netz.

Und mit der ZDFmediathek stehen auch echte Perlen wie „Kontraste“, „Wiso“ oder „Kerner“ knapp eine Woche zum kostenlosen Gucken zur Verfügung. Gleiches trifft auf die öffentlich-rechtliche Konkurrenz wie „Die Tagesschau“ oder „Schmidt & Pocher“ zu. Als wäre dem nicht genug gibt es unter RTL-Now zahlreiche Bertelsmann-Eigenproduktionen zu sehen und auch die Konkurrenz von ProSieben-Sat1 schläft nicht.

Folgen

Früher konnte man den Videokonsum des heimischen Nachwuchses wenigstens noch halbwegs per Sat-Receiver fernwarten, dank Tauschbörsen-Flatrate landet heutzutage fast alles auf dem PC der Emporkömmlinge. Ebenso verhält es sich mit den immer üppiger werdenden Angeboten im Netz, wer soll da als Erziehungsberechtigter noch den Durchblick behalten? „Video-on-Demand“ heißt aber nicht nur Unterschichten-Trash vom Feinsten, mit etwas Geduld lassen sich auch echte Perlen aufspüren – zum Teil aus dem öffentlich-rechtlichen Ausland. Mit Glück findet das vermeintlich missglückte Familienvideo sogar hunderttausende Zuschauer und mehr – wenn man denn den Mut zur Veröffentlichung aufbringt. Nach der Musikindustrie, Filmproduzenten, Enzyklopädien und Verlagen verlieren auch die Fernseh-Protagonisten ihr Rezipienten-Monopol im Internet. Manch neues Angebot wie Stage6.com war allerdings auch schneller verschwunden, als der ein oder andere wahrhaben wollte.

Fazit: Das neue Bewegtbild bietet vielfältige Möglichkeiten für Nischenzielgruppen und damit auch ein Stückweit mehr Mediendemokratie im Netz, auch wenn wie so oft viel Schindluder mit der neuen Freiheit getrieben und noch mehr an Inhalten geklaut und hochgeladen wird. Hochauflösenden Informationsgenuss im seichten Fernsehsessel ersetzt das aktuelle Internet-Fernsehen kaum, von den sozialen Interaktionsmöglichkeiten einer ausreichend dimensionierten Wohnstube ganz zu schweigen. Rein praktisch betrachtet mag Fernsehen im Internet eine für Individualisten und Marktnischen willkommene Abwechslung und Ansporn für etablierte Medienunternehmen sein, es taugt aber auch als Schlupfloch für GEZ-Verweigerer, Schichtarbeiter die keiner Sendezeit folgen können und Studenten, die sich keinem halbwegs natürlichen Tagesablauf fügen möchten. Ist das die Zukunft? Schönen Dank auch! Oder?

| | 14. März 2008 6051 x gelesen Schlagwörter: deutschsprachige video on demand angebote im internet, fernsehen im internet, iptv

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